Richard Lüscher Britos

Natural Terroir Perfumes

Fünf Reisen – Fünf Begegnungen – Fünf ethische Engagements – Fünf Leidenschaften – Fünf Parfums

46 klein46°N 08°E – Schweiz – Arve

Akkord I – Tough
Hoch oben im steilen und felsigen Gebirge des Val d’Anniviers bilden die Arven den obersten Waldsaum. Auf einer Höhe von 2000 m trotzten sie dem garstigen Walliser Alpenklima mit den starken Winden und den langen, kalten und schneereichen Wintern. Doch das raue Wetter geht nicht spurlos an den Arven vorbei. Die schmalen und in die Höhe wachsenden Nadelbäume, die bis zu 1000 Jahre alt werden, haben oft eindrückliche, vom Leben gezeichnete, Wuchsformen. Im Sommer jedoch sind die Arven umgeben von blauem Enzian und plätschernden Gebirgsbächen und sobald die Sonne wärmt, verströmen ihre Nadeln ein wunderbar frisches und aromatisches Parfüm.

Akkord II – Mates
Trotz ihrer Stärke und Beständigkeit geht die Arve wichtige Lebensgemeinschaften ein. Der Tannenhäher, ein rabenartiger Vogel mit dunkelbraunen, weiss getupften Federn, trägt entscheidend zur Verjüngung des Arvenbestandes bei. Während des Sommers sammelt er tausende Arvensamen und vergräbt sie weit über die Hänge verteilt als Wintervorrat. Aus den vom Tannenhäher vergessenen Verstecken wachsen junge Arven. So sorgt der Tannenhäher auch für die Ausbreitung an Orten, wo bisher keine Arven standen, etwa an unzugänglichen Orten wie Felsvorsprüngen oder oberhalb der Baumgrenze. Zudem schützen würzig-erdig riechenden Flechten, die strauchartig auf der Rinde wachsen, die Arve vor Krankheiten.

Accord III – Gentle
Eine dicke Schneedecke liegt auf den Alpweiden, von der getragenen Schneelast hängen die Äste der Nadelbäume tief Richtung Boden, die Murmeltiere sind im Winterschlaf, die Zugvögel Richtung Süden geflogen. Auch in den abgeschiedenen Dörfern im Val d’Anniviers kehrt Ruhe ein. Die Abende werden in der Holzstube verbracht, in der sich der wohltuende, warme und harzige Geruch der Arvenmöbel mit der Rauchnote des Cheminéefeuers vermischt.

 

14 klein14°S 48°E – Madagaskar – Ylang Ylang

Akkord I – Costal Juwel
Ylang Ylang, auch als die „Blume der Blumen“ bezeichnet, findet in der Region Ambanja im nördlichen Madagaskar ein hervorragendes Terroir um ihren betäubenden, blumigen und leicht würzigen Duft optimal zu entfalten. Die grossen Blüten mit den sechs grünlich-gelben, wunderschön geschwungenen, zungenförmigen Blütenblättern wachsen auf immergrünen Bäumen im tropischen Regenwald. Das warme und feuchte äquatoriale Klima mit Regenwäldern, die bis zu den Sandstränden reichen, die vulkanische Erde und der sandige Boden des Sambirano-Flusses machen Ambanja zum idealen Ort für Ylang Ylang. Die üppige Blütentracht kann das ganze Jahr geerntet werde, um das wertvolle ätherische Öl zu gewinnen, das die Lebensfreude und Sinnlichkeit des Terroirs ausdrückt.

Akkord II – Biodiversity Hotspot
Der Norden Madagaskars ist gekennzeichnet von einem einzigartigen Reichtum an Biodiversität, die in seinen tropischen Regenwäldern verborgen ist. Bedingt durch die lange geografische Isolation der Insel konnten sich Pflanzen und Tiere entwickeln, die weltweit einzigartig sind. Andererseits liessen sich aufgrund der strategischen Lage Madagaskars verschiedene europäische Seefahrervölker nieder, die Pflanzen aus anderen tropischen Ländern zum Anbau importierten. So wurden verschiedene Zitrusbäume auf der Insel angepflanzt, deren Früchte die Seefahrer während den langen Überfahrten nach Europa vor Skorbut bewahrten. Bei Streifzügen durch die Wälder von Ambanja kommt es deshalb vor, dass das orientalische Duftbouquet, geprägt von den Ylang Ylang Blüten und den pfeffrig riechenden rosa Schoten der Baie Rose, durch eine zart bittere und fruchtig frische Mandarinennote perfekt abgerundet wird.

Akkord III – Natural Richness
In Ambanja leben vorwiegend Kleinbauern in naturverbundenen Dorfgemeinschaften, die auf bescheidenen Landflächen eine grosse Vielfalt an Nutzpflanzen anbauen. Zu Beginn ist es schwer, ihre Felder vom ursprünglichen Regenwald zu unterscheiden. Erst bei näherem Hinschauen entdeckt man fasziniert, dass vorwiegend essbare Pflanzen für den Eigengebrauch und den lokalen Markt, aber auch Pflanzen für den Export, wie Kakao, Vanille und Vetiver, auf kleinster Fläche nebeneinander wachsen. Diese artenreiche Nutzung der Äcker stabilisiert das Ökosystem und ermöglicht es den Bauern, sich ein zuverlässigeres Einkommen zu sichern. Die Duftwelt auf den Äckern ist geprägt von der Freiluftfermentierung der Vanilleschoten, die die ganze Umgebung in einen süsslich-warmen Duft einhüllt, vom erdigen und holzig-balsamischen Aroma der Vetiverdestillation und von der leicht nussigen Gourmandnote des über dem Feuer gerösteten Mais.

 

04 klein04°N 74°W – Kolumbien – Gardenie

Akkord I – Floral Purity
Niemand wird den Moment vergessen, an dem er zum ersten Mal an einer Gardenie gerochen hat. Der pudrig-warme und süssliche Duft ist schon fast betäubend. Er enstammt weissen, rosenartigen Blüten, die an Sträuchern mit satt-grünen, glänzenden Blättern wachsen. Die Gardenie liebt  Wärme und Feuchtigkeit und findet in den Hügeln der Region Fusagasuga in Kolumbien das perfekte Terroir. Dort trifft die sinkende Kaltluft des Andenhochplateaus auf die aufsteigende warme Luft der Regenwäldern und bringt die Gardenien zum erblühen.

Akkord II – Tropical Garden
Mitten im krisengeschüttelten Kolumbien befindet sich ein paradiesischer Garten. Er liegt in Fusagasuga, in den Ausläufern der Anden, in denen der Einfluss des warmen und feuchten tropischen Klimas der Meereshöhe spürbar wird. Der Garten ist eine einmalige Explosion von Farben und Düften. Verschiedene Grüntöne, in denen tropische Blumen in allen erdenklichen Farbtönen und Blütenformen erblühen. Orchideen, Rosen, Lilien und Hyazinthen vereinen sich zu einem einzigartigen floralen Duftbouquet, das von honig-süssen über frischere laubartige bis zu Vanille ähnliche Duftnoten beinhaltet.

Akkord III – Dancing in Colombia
Schon Botero widmete eines seiner Gemälde „Dancing in Colombia“ den lebhaften kolumbianischen Kaffeehäusern. Temperamentvolle Musik, leidenschaftliche Tänzer und ein fruchtig süsser Kaffeeduft geben ihnen ihren ganz eigenen Charakter. Der Anbau des Arabica Kaffees im Hochland sowie die Kaffehäuser, in denen er getrunken wird, sind fest in der kolumbianischen Kultur verankert.

 

38 klein38°N 16°E – Italien – Bergamotte

Akkord I – The Golden Fruit
Einer der vielleicht edelsten Düfte, klar und frisch und doch blumig-süss, ist das Bergamottenöl, gewonnen aus den Schalen der leuchtend gelben Zitrusfrüchte. Das einzigartige Klima des schmalen kalabrischen Küstenstreifen entlang der Meerenge von Messina bringt die Blüten der Bergamotte zum Erblühen und ihre Früchte zum Reifen. Durch die stetige Meeresbrise sind die Schwankungen zwischen der Tages- und der Nachttemperatur klein und die Lage am Fusse des Aspromontengebirges gewährleistet regelmässige Regenfälle. Da die Bergamotte fast ausschliesslich hier gut gedeiht, ist die Legende entstanden, dass sie nur mit Blick auf den Ätna auf der gegenüberliegenden Küste der Meerenge von Messina wachsen kann. Der besondere Duft der goldenen Frucht wird seit Jahrhunderten geschätzt und seine Essenz als Basis zur Kreation kostbarer Parfüms genutzt. Bis in die 50er Jahre war das Bergamotteöl der bedeutendste Einkommenszweig der Bauern in der Region. Sie planten ihre finanziellen Ressourcen anhand der Anzahl Blüten an ihren Bergamottebäumen und dem daraus geschätzten Ertrag an Öl; zwei Liter der kostbaren Essenz hatten damals den Wert eines neuen Fiat 500.

Akkord II – Traditions
Mit der wärmer werdenden Sonne erlangen die Orangenblüten ihre volle Pracht und hüllen die Südspitze von Kalabrien in einen betörend honig-süssen Duft. Der Anbau von Zitrusfrüchten ist in dieser Region in den Händen von Familienunternehmen, die ihr Wissen von Generation zu Generation weitergeben. Der Familienzusammenhalt ist entsprechend ausgeprägt und Jahrhunderte alte Gepflogenheiten und Traditionen bleiben erhalten. Das kulinarische Erbe alter Zeiten entdeckt der Besucher der Region als erstes. Zahlreiche Agriturismi gewähren mit traditionellen Gerichten Einblick in eine der geschmackvollsten und vielseitigsten Küchen Italiens, eine unvergleichliche Vielfalt an Aromen.

Akkord III – Hidden Characters
Der Decollage des kalabrische Künstler Mimmo Rotella liegt ein Plakat des Filmes „C‘era una volta“ zugrunde. Im Märchenfilm wird die schöne Landmagd Isabelle (Sophia Loren), vom passionierten spanischen Prinzen Rodrigo, (Omar Sharif), erobert. Der Decollagestil setzt einen dramatischen Kontrast zu dem romantischen Filmplakat. Mimmo Rotella beschreibt damit sehr charakteristisch das kalabrische Terroir mit seiner versteckten Vielschichtigkeit.

In den kleinen Fischerdörfchen an den mediterranen Stränden der Bergamotteanbauregion, finden viele Einwanderer ein neues Zuhause und bringen damit neue Einflüsse ins traditionelle kalabrische Leben. So siedelte sich in einem dem Terroir benachbarten Dorf eine Gemeinschaft von pakistanischen Sikhs an. Mit ihren farbigen, kunstvoll gebundenen Turbanen und den langen Bärten haben sie das Dorfbild nachhaltig verändert. Ausserdem prägen sie das kulturelle Leben, zum Beispiel mit dem Verkauf von orientalischen Speisen oder dem leichten Geruch von Sandelholz und Weihrauch, der aus Tempel in die Gassen strömt.

Das hinter der Küste gelegene Aspromontengebirge ist jedoch auch die Heimat der 'Ndràngheta, der kalabrischen Mafia, die als eine der gefährlichsten kriminellen Organisationen der Welt angesehen wird. Ihre Mitglieder verstecken sich in den kleinen Dörfern im Gebirgszug mit seinen engen Tälern, den bizarren Felsformationen und den fast endlos scheinenden, kurvigen Strassen. Ihre Präsenz hinterlässt bei den Einwohnern ein schales Gefühl.

Ob sich die Vielschichtigkeit der Decollage in Mimmo Rotella‘s Kunstwerk effektiv eine Anspielung auf diese Beobachtungen sind, bleibt das Geheimnis des 2006 verstorbenen Künstlers.

 

44 klein44°N 03°E – Frankreich – Wilder Berglavendel

Akkord I – Intense Violet
Schon von weitem sieht man einen violetten Flickenteppich über dem sonst kargen Hochland der Causse Méjean in Südfrankreich ausgebreitet. Kommt man näher, merkt man, dass die violetten Flecken aus tausenden Büschel wildem Berglavendel bestehen, die ein unglaublich fruchtig-frisches und zugleich herb-florales Parfüm verströmen. Der wilde Berglavendel hat sich dem rauen Klima der Cevennen angepasst. Er wächst in der mageren Erde auf über 1000 m Höhe, wo die Sonne die umliegenden kalkhaltigen Steine erwärmt und wo ein stetiger, von der Meeresluft gesättigter, starker Wind bläst.

Akkord II – Mystic Wilderness
Wild weidende Schafe bestimmen die karge Landschaft der Causse Méjean in den Cevennen. Die Hirten ziehen mit ihren Schafherden und ihren Hunden alleine durch die einsamen, steinigen Hochebenen, in denen kleine Schwarzkiefer und Sträucher die einzigen Schattenspender sind. Die Schafe ernähren sich hauptsächlich von wildwachsenden Kräutern, fressen aber auch die jungen Triebe der Schwarzkiefer, was eine flächendeckende Bewaldung eingrenzt und sonnenliebenden Duftpflanzen Platz schafft um sich zu verbreiten. So entsteht die einzigartige Duftwelt der Causse Méjean, in der sich das Aroma des würzigen Harz der Schwarzkiefer mit dem süsslichen Parfüm des Berglavendels und dem grünen, fruchtigen Duft des Wacholders vereint.

Akkord III – Authenticity
Sobald die Sonne ihren Zenit erreicht hat und der Wind die heisse, marine Luft auf die Causse Méjean trägt, wird das meditative Pflücken des wilden Berglavendels unterbrochen. Die kleinen Handsicheln werden weggelegt, die Sammeltücher auf dem Boden ausgebreitet und ein Platz im Schatten einer Pinie gesucht, um sich in der grössten Hitze des Tages etwas auszuruhen. Die vom Leben und der harten Arbeit geprägten Pflückerinnen erzählen sich Neuigkeiten aus den umliegenden Dörfern und philosophieren über das Leben. Selbstgemachte Marrons Glacés werden herumgereicht und der vorbeiziehende Hirte wird eingeladen, mit ihnen zu speisen. Die mit Zucker und Vanille glasierten Kastanien haben einen zarten und leicht exotischen Geschmack und zergehen auf der Zunge.

Le Parfum Wien 1., Petersplatz 3, Tel. +43 1 535 39 39

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